Immer für andere da? Überverantwortlichkeit und Fibromyalgie
„Ich kann doch nicht einfach Nein sagen.“ Oder: „Wenn ich mich nicht kümmere, macht es niemand.“ Solche Gedanken begegnen mir in meiner Fibromyalgie-Sprechstunde häufig.
Viele Menschen mit Fibromyalgie sind aufmerksam, verlässlich und hilfsbereit. Schwierig wird es, wenn sie dabei ihre eigenen Grenzen dauerhaft überschreiten und ihre Bedürfnisse immer weiter nach hinten schieben.
Was bedeutet Überverantwortlichkeit?
Überverantwortlichkeit bedeutet, dass du dich für Dinge zuständig fühlst, die eigentlich nicht vollständig in deiner Verantwortung liegen – zum Beispiel für die Gefühle, Zufriedenheit oder Probleme anderer Menschen.
Vielleicht fällt es dir schwer, Aufgaben abzugeben. Vielleicht sagst du Ja, obwohl deine Kraft längst nicht mehr ausreicht. So kann eine belastende Spirale entstehen: Du übernimmst zu viel, gehst über deine Grenzen und bemerkst die Erschöpfung erst spät. Danach brauchst du lange, um dich zu erholen, und machst dir womöglich zusätzlich Vorwürfe.
Häufig handelt es sich dabei um ein gelerntes Muster, das dir lange geholfen hat, Konflikte zu vermeiden oder Anerkennung zu bekommen.
10 Fragen zur Selbstreflexion
Diese Fragen können dir aber helfen, genauer hinzuschauen. Beantworte sie möglichst ehrlich und ohne dich zu bewerten:
Bin ich sehr pflichtbewusst und habe ich große Angst, Fehler zu machen?
Gehe ich so stark auf andere ein, dass ich meine eigenen Bedürfnisse vergesse?
Vermeide ich ein offenes Wort aus Angst, andere zu verletzen?
Fühle ich mich dafür verantwortlich, dass alle zufrieden sind?
Setze ich mich für Menschen und Aufgaben ein, ohne auf meine Kräfte zu achten?
Verzeihe ich anderen Fehler leichter als mir selbst?
Sage ich vorschnell Ja, obwohl ich eigentlich Nein sagen möchte?
Fällt es mir schwer, eigene Wünsche zu äußern oder etwas für mich einzufordern?
Bleiben die Sorgen anderer an mir hängen und halten sie mich nachts wach?
Kann ich schwer unterscheiden zwischen dem, was ich sollte, und dem, was ich eigentlich will?
Wenn du dich in mehreren Fragen wiedererkennst, ist das ein Hinweis darauf, dass deine eigenen Bedürfnisse und Grenzen im Alltag zu wenig Raum bekommen.
Überverantwortlichkeit und Fibromyalgie
Fibromyalgie entsteht nicht dadurch, dass jemand zu hilfsbereit ist oder sich zu viel zumutet. Die Erkrankung ist komplex. Überverantwortlichkeit begegnet mir bei Betroffenen jedoch häufig als ein Muster, das die Beschwerden zusätzlich verstärken kann.
Wer dauerhaft über die eigenen Grenzen geht, erlebt oft mehr:
körperliche und mentale Erschöpfung
innere Anspannung und Grübeln
schlechteren oder nicht erholsamen Schlaf
Schwierigkeiten bei der Schmerzregulation
Das bedeutet nicht, dass du selbst schuld an deinen Schmerzen bist. Es geht vielmehr darum, zusätzliche Belastungen zu erkennen und nach und nach zu verringern.
Ein erster Schritt: nicht sofort antworten
Wenn du dich häufig überforderst, musst du nicht sofort alles verändern. Versuche zunächst, nicht mehr automatisch zuzusagen. Du kannst sagen:
„Ich prüfe erst, ob ich dafür genug Kraft habe.“
„Ich denke darüber nach und melde mich später.“
„Ich kann dir heute noch keine Antwort geben.“
So entsteht ein Zwischenraum für die Fragen: Will ich das wirklich? Kann ich das gerade? Und was würde es mich kosten?
Eine Grenze zu setzen bedeutet nicht, rücksichtslos zu sein. Du darfst die Bedürfnisse anderer ernst nehmen und gleichzeitig deine eigenen Kräfte berücksichtigen.
Webinar: Fibromyalgie PLUS
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