Fibromyalgie im Alltag: Der größte Denkfehler, den ich als Ärztin lange gemacht habe
Einige meiner Patientinnen und Patienten gehen ganz selbstverständlich davon aus, dass ich selbst an Fibromyalgie leide – sonst sei es doch kaum erklärbar, warum ich mich ausgerechnet auf diese Erkrankung spezialisiert habe.
Tatsächlich ist das nicht so: Ich bin nicht selbst betroffen. Wie es dazu gekommen ist, dass Fibromyalgie trotzdem zu einem meiner großen Schwerpunkte geworden ist, erzähle ich dir ausführlicher in einem eigenen Beitrag – den findest du hier:
Im heutigen Artikel möchte ich auf etwas anderes hinaus: darauf, wie sehr mich die Erfahrungen meiner Patientinnen und Patienten geprägt haben – gerade, weil ich die Erkrankung selbst nicht habe.
Ich werde nämlich auch immer wieder gefragt:
„Wie ist das, wenn Sie als Ärztin auf Fibromyalgie spezialisiert sind, selbst aber gar nicht betroffen sind? Können Sie das überhaupt wirklich verstehen?“
Am Anfang meiner Arbeit mit Fibromyalgie-Betroffenen hat mich diese Frage getroffen – vor allem, als mir einmal jemand ziemlich deutlich sagte:
„Sie können sich doch gar nicht richtig reinversetzen, Sie haben das ja selbst nicht.“
Und ein Stück weit stimmt das.
Ich lebe nicht täglich mit diesen Schmerzen, dieser Erschöpfung, diesem Auf und Ab. Ich habe die medizinischen Kenntnisse – aber nicht die Erkrankung.
Was ich aber seit vielen Jahren habe, sind:
- unzählige Gespräche,
- sehr ehrliche Rückmeldungen,
- und viele gemeinsam gemachte Erfahrungen mit Betroffenen.
Viel von dem, was ich heute weitergebe, kommt deshalb nicht nur aus Büchern und Studien, sondern aus dem, was mir Patientinnen und Patienten immer wieder schildern – besonders, wenn es um den Alltag mit Fibromyalgie geht.
Was ich über „gute Tage“ gelernt habe
Aus der allgemeinen Schmerztherapie kannte ich lange vor allem eine Botschaft:
„Trau dich ruhig, mehr zu machen. Überwinde die Angst vor Bewegung und Aktivität.“
Grundsätzlich ist das nicht falsch.
Wir wissen, dass Bewegung und Aktivität bei chronischen Schmerzen wichtig sind. Also habe ich anfangs auch bei Fibromyalgie gesagt:
„Wenn du einen guten Tag hast – nutz ihn, sei aktiv, trau dich.“
In den Gesprächen mit Betroffenen tauchte aber immer wieder ein anderes Muster auf:
- „Wenn ich mal einen guten Tag habe, will ich alles nachholen – Haushalt, Einkaufen, Familie, vielleicht noch Sport.“
- „Fast jedes Mal werde ich danach mit einem heftigen Einbruch ‚bestraft‘ – ein, zwei, drei Tage bin ich komplett platt.“
Über die Jahre habe ich verstanden:
Für viele Menschen mit Fibromyalgie funktioniert dieses „Zögere nicht, mach einfach mehr“ nicht gut.
Im Gegenteil – es kann zu spürbaren Rückschlägen führen.
Das ist mir – trotz viel Fachliteratur – in dieser Klarheit erst durch die Praxis wirklich bewusst geworden.
Der schmale Grat: nicht zu wenig, aber auch nicht zu viel
Wenn du Fibromyalgie hast, bewegst du dich in Bezug auf Aktivität auf einem sehr schmalen Grat:
- Zu wenig Bewegung und nur Schonung sind langfristig ungünstig.
- Zu viel Aktion an guten Tagen: führt oft zu starken "Crashs" mit mehr Schmerzen und Erschöpfung.
Was ich durch meine Patientinnen gelernt habe:
An guten Tagen ist es bei Fibromyalgie oft besser, bewusst weniger zu machen, als man meint leisten zu können.
Also zum Beispiel:
- Du denkst: „Heute könnte ich bestimmt 2 Stunden im Garten aktiv sein.“
→ Du planst 1 Stunde und lässt bewusst Luft nach oben. - Du hast das Gefühl: „Ich könnte heute die ganze Wohnung schaffen.“
→ Du machst nur einen Teil – und hörst auf, bevor du „am Limit“ bist.
Das fühlt sich zunächst unbefriedigend an, weil der Wunsch groß ist, endlich wieder „richtig was zu schaffen“.
Viele berichten aber, dass sie damit:
- weniger Abstürze,
- stabilere Tage
- und mehr Vertrauen in ihren Körper erleben.
Dieses Prinzip – „weniger als möglich“ – habe ich nicht aus einem Lehrbuch, sondern ganz konkret aus den Rückmeldungen meiner Patientinnen übernommen.
Unschätzbar: Wissen aus eurem gelebten Alltag
Heute sehe ich meine Rolle so:
- Ich bringe das medizinische Wissen mit – zu Nervensystem, Schmerzverarbeitung, Begleiterkrankungen, Therapieoptionen.
- Meine Patientinnen und Patienten bringen wertvolle praktische Erfahrungen mit – zu Grenzen, guten und schlechten Tagen, kleinen Strategien, die wirklich funktionieren.
Beides zusammen ergibt ein viel realistischeres Bild von Fibromyalgie, als ich es allein aus Büchern hätte.
Zum Schluss noch eine Einladung für dich, wenn du dieses Thema weiter vertiefen möchtest:
Nächstes Webinar (Online-Seminar):
12. August 2026 – 18 Uhr
Exklusiv für Mitglieder:
„Was deinen Alltag mit Fibromyalgie leichter macht – Pacing, Tipps & Tricks aus Praxis & Community“
In diesem Webinar geht es genau um diese schmale Linie zwischen „zu wenig“ und „zu viel“:
- Wie kannst du gute Tage nutzen, ohne danach in ein tiefes Loch zu fallen?
- Wie findest du dein ganz persönliches Belastungsfenster?
- Welche konkreten Strategien aus Praxis und Community haben sich im Alltag bewährt, um mit weniger Kraft besser durchs Leben zu kommen?
Ich teile in diesem Webinar meine Erfahrungen aus der Sprechstunde – und auch vieles von dem, was Betroffene selbst im Laufe der Jahre für sich herausgefunden haben.
Wenn du Mitglied bist, kannst du einfach live dabei sein, deine Fragen stellen und dir die Aufzeichnung später in Ruhe ansehen.
Wenn du noch kein Mitglied bist, kann dieses Webinar eine gute Gelegenheit sein, die Mitgliedschaft in der FibroCoach-Gemeinschaft einmal auszuprobieren. Sie ist monatlich kündbar – du gehst also kein Risiko ein und kannst in Ruhe schauen, ob das Angebot für dich passt.

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