Vagusnerv und Fibromyalgie: Warum das Nervensystem nicht zur Ruhe kommt
Meine Patientin ist 52 Jahre alt. Seit vielen Jahren leidet sie an Fibromyalgie. Ihre Hauptsymptome: Schmerzen in fast allen Körperregionen, Erschöpfung, unerholsamer Schlaf, hohe Reizsensibilität. Letzte Woche haben wir eine Herzratenvariabilitäts-Analyse durchgeführt.
Der Befund: Vagusaktivität niedrig, Stressindex erhöht. Mehrere Parameter im roten Bereich.
Das ist ein typisches Bild, das ich bei Fibromyalgie-Patientinnen häufig sehe.
Das vegetative Nervensystem steht unter Spannung, die innere Bremse greift trotz Erschöpfung kaum. Erholung ist dringend notwendig, aber physiologisch erschwert.
Natürlich kann ich jetzt Empfehlungen geben:
Leichtes Ausdauertraining.
Atemübungen oder Meditation.
Stressverstärker identifizieren und reduzieren.
All das ist wichtig und langfristig oft wirksam.
Aber bevor wir direkt in Maßnahmen gehen, halte ich eine andere Frage für entscheidend:
Warum ist der Vagusnerv so wenig aktiv?
Was verhindert bei dieser Patientin Entspannung und Regeneration?
Denn das Nervensystem gerät ja nicht zufällig aus dem Gleichgewicht.
Viele meiner Patient:innen berichten – wenn wir genauer hinschauen – von langen Phasen hoher Verantwortung, dauerhafter Selbstüberforderung, fehlenden Erholungszeiten. Manche auch von belastenden biografischen Erfahrungen, in denen Sicherheit nie selbstverständlich war.
Eine gesunde vegetative Regulation basiert aber auf Sicherheit.
Wenn Kopf und Körper über Jahre lernen:
„Ich muss wachsam bleiben.“
„Es kann jederzeit wieder etwas passieren.“
„Ich muss funktionieren, egal wie es mir geht.“
- dann wird dieser Zustand neurophysiologisch gespeichert.
Ich finde es wichtig, dass wir verstehen:
Eine verminderte Vagusaktivität ist kein Defekt, sondern eine Anpassung, die irgendwann im Leben einmal notwendig geworden ist.
Und genau deshalb greift es oft zu kurz, Entspannung zu „verordnen“. Wer jahrelang im Alarmmodus war, kann nicht per Anweisung loslassen. Dann funktioniert die angeleitete Entspannungsübung meist nicht. Wenn wir aber gemeinsam verstehen, was das Nervensystem in diesen Modus gebracht hat, können wir auf einer anderen Ebene ansetzen. Das ist zugegebenermaßen kein einfacher Weg, aber ein lohnenswerter. Wenn Sicherheit wieder erfahrbar wird – körperlich und emotional – kann die vagale Regulation langsam zurückkehren.

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